Beschneidung - Warum?

Wort zum Sonntag von Pfarrer Christian Piegenschke

Wort zum Sonntag in den Cuxhavener Nachrichten (28.07.2012)

Beschneidung von Säuglingen – Warum?

Die Beschneidung von Säuglingen und minderjährigen Jungen aus religiösen Gründen sei Körperverletzung, so urteilte jüngst das Kölner Landgericht. Die Gemüter sind erhitzt und die Wogen der Empörung schlagen hoch. Hier steht das grundgesetzlich geschützte Recht auf freie Ausübung der Religion gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Juden und Muslime sehen einen dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht ihrer Religionsgemeinschaft, ja mehr noch, sogar eine Kampagne gegen diese Religionsgemeinschaft selbst.

Was aber ist der religiöse Sinngehalt des Beschneidungsrituals?
Durch die Beschneidung wird der Junge nach jüdischem Verständnis in den Bund mit Gott aufgenommen. Auch Muslime haben unter Berufung auf den Stammvater Abra-ham diesen Ritus in ihrer Kultur, obwohl dazu im Koran nichts steht.
Warum ein solch merkwürdiges Bundeszeichen? Warum nicht z. B. ein Ohrring oder eine kleine Tätowierung?
Und warum ein Bundeszeichen nur für Jungen und nicht auch für Mädchen?

Religionswissenschaftlicher vermuten im Hintergrund der Beschneidung einen uralten Brauch: das Menschenopfer.

Ursprünglich wurde dem Gott die männliche Erstgeburt geopfert als Dank für das Geschenk der Fruchtbarkeit. Ein männliches Wesen, weil der Mann als Samengeber vermeintlich alleiniger Spender neuen Lebens war. Später trat an die Stelle des grauenhaften Menschenopfer-Rituals der symbolische Ersatz für den Bund mit Gott, die Kastration, die ihrerseits ersetzt wurde durch die Entfernung der Vorhaut. Am Ende dann wurde der Ritus nicht nur an Erstgeborenen praktiziert, sondern an allen männlichen Mitgliedern der Religionsgemeinschaft.

Einer der ersten, der in dieser Sache aufklärerisch und emanzipatorisch wirkte, war vor 2000 Jahren der Apostel Paulus. Er setzte durch, dass für die Zugehörigkeit zum neuen Glauben an Christus die Beschneidung nicht mehr notwendig ist.

Die Religionsgemeinschaften stehen vor einer schwierigen, aber wichtigen Aufgabe. Sie müssen immer wieder ihr eigenes Selbstverständnis und ihre Rituale klären und erklären: geduldig und vor allem auch selbstkritisch. Und: Sie müssen sich von einem blinden Traditionalismus befreien. Wer nur empört auf seine Rechte pocht, wird auf Dauer kaum auf Verständnis stoßen!